Die Straßburger Museen
Leiter der Museen :

Fabrice Hergott

Ausstellungskommissar :
Laurent Baridon & Martial Guédron Historiens d’art
Université Marc Bloch, Strasbourg


Koordination für die Straßburger
Museen :

Cécile Dupeux
Hauptverwalter des Frauenhaus-
Museum - Œuvre Notre-Dame
cdupeux@cus-strasbourg.net


Öffentlichkeitsbüro
Marie Ollier
Gwenaëlle Serre
Cathy Letard
2, place du Château
67000 Strasbourg
Tél. +33 (0)3 88 52 50 15
Fax +33 (0)3 88 52 50 42
www.musees-strasbourg.org

Archäologisches Museum

Palais Rohan
2 place du Château
F-67000 Strasbourg
tél : +33(0)3.88.52 50 00
Öffnungszeiten :
Täglich von 10 bis 18 Uhr
Dienstags geschlossen

Galerie Robert Heitz
Palais Rohan
2, place du Château
F-67000 Strasbourg
Tél. +33 (0)3 88 52 50 00
Öffnungszeiten :
Täglich von 10 bis 18 Uhr
Dienstags geschlossen

Musée de l’Œuvre Notre-Dame
3, place du Château
F-67000 Strasbourg
Tél. +33 (0)3 88 52 50 00
Öffnungszeiten :
Täglich von 10 bis 18 Uhr

Musée d’Art moderne et
contemporain

1, place Hans Jean Arp
F – 67000 Strasbourg
Tel. + 33 (0)3 88.23.31.31
Öffnungszeiten :
Täglich von 11 bis 19 Uhr
Donnerstag von 12 bis 22 Uhr
Sontags von 10 bis 18 Uhr
Montags geschlossen

Mensch-Tier
Geschichte(n) einer Konfrontation
8. April >4. Juli 2004


Archäologisches Museum
Galerie Heitz
Frauenhausmuseum
Museum für Moderne und Zeitgenössische Kunst

Alle Kulturen assoziieren den Menschen mit dem Tier. Die uns strukturierende und verbindende Sprache ist so beschaffen, dass jeder von uns die Möglichkeit hat, immer dann Bezug auf Tiere zu nehmen, wenn menschliches Verhalten mit größerem Nachdruck beschrieben werden soll. „Wie ein Spatz essen“, „Löwenmut haben“, „schwatzhaft wie eine Elster“ oder „stumm wie ein Fisch“ sein: Über diese oder andere Bilder verfügen alle Sprachen. Sie verdeutlichen, dass Menschen häufig durch die Identifikation mit Tieren zueinander in Beziehung treten. Auch in bildlichen Darstellungen sind diese tief im Bewusstsein verankerten Verknüpfungen anzutreffen. Sowohl von der Hochkunst als auch von der Volkskunst wurden sie immer wieder aufgegriffen und verbreitet. Oft satirisch oder humoristisch, werfen sie immer die gleiche Frage nach dem animalischen Teil des Menschen auf.
Schon die ersten Zeugnisse der Menschheitsgeschichte thematisieren die Beziehung Mensch-Tier, mitunter in Form von magischen Ritualen. So stellten sich die urgeschichtlichen Jäger mit den Hauern des gefürchteten Wildschweins dar, dem sie dann in Kampfszenen gegenüber traten. Diese Verbindung zum Tier findet sich in fast allen vorgeschichtlichen Mythen und Religionen wieder: So wurde Herkules mit dem Nemeischen Löwen assoziiert, dem Raubtier, das er getötet hatte und dessen Fell er trug. Der Löwe ist auch das Symbol des Heiligen Markus; er steht für den Mut, den der Glaube dem Christen abverlangte. Die Wesen der antiken Mythologie - ägyptische und griechische Zwittergestalten mit Fell und Hufen, Federn und Flügeln, Gottheiten, Zentauren, Satyre und Sphinxe – erklären sich aus der Beziehung, die der Mensch zwischen ihnen und sich selbst herstellte. Manche griechischen Autoren vertraten die These, die Frau sei gleichzeitig mit den Tieren erschaffen worden, da sie deren Fehler alle auf sich zu vereinen schien. Die Berührung mit dem animistischen Glauben anderer Kulturen bereicherte dieses Pantheon der Ungeheuer um neue Wesen, die ihrerseits mit moralischen Wertungen versehen wurden. So konnte auch das christliche Mittelalter nicht auf Sirenen, Tritonen und Chimären verzichten, denn deren Zwittercharakter brachte die allem innewohnende Duplizität zum Ausdruck. Als diabolische Kreaturen trugen sie die Züge der Teufel, Hexen und sonstigen Kreaturen, die die mittelalterlichen Enzyklopädien bevölkerten. Diese mit moralischen Werten ausgestatteten Bestiarien tauchten stets an den Rändern von Handschriften auf und - vom Betrachter kaum wahrzunehmen - in den hoch gelegenen Teilen der Kirchen, wie den Wasserspeiern – als müsse die Darstellung aufgrund der ihr innewohnenden Unmoral diskret erfolgen. Auch wirkliche Tiere vervollständigten - mit entsprechenden Konnotationen versehen - dieses Bestiarium. Später sollte sich die Reformation seiner bedienen, um die vom rechten Wege abgekommenen Brüder in Misskredit zu bringen: Sie seien durch den Verrat am Dogma zu Tieren geworden.
Der Renaissance-Mensch stellte sich in den Mittelpunkt der Welt und umgab sich wie in den Tierkreisen mit Symbolen von Tieren, in denen er sich von jeher wiedererkannte. Unter Bezugnahme auf die antike Divinationspraktiken begründete die Renaissance die moderne Physiognomik, die auf der Beobachtung des äußeren Erscheinungsbildes, des Gesichts und der Anatomie basierte und Parallelen zur Tierwelt herstellte. So war Giambattista della Porta der Ansicht, dass ein Mann mit einer Hakennase die Raubgier eines Adlers hatte. Paradoxerweise verstärkte sich mit dem Fortschreiten des wissenschaftlichen Rationalismus das Bestreben, das nicht Beweisbare in Phantasmagorien und Capriccios heraufzubeschwören; in diesem Genre tat sich besonders Goya hervor. Doch im Grunde bedingten sich beide Bewegungen, und beide trieben die Analogien zwischen dem Menschen und seinen so genannten niederen Brüdern, den Tieren, immer weiter. So entwickelte Charles Le Brun mitten in der Blütezeit des kartesianischen Rationalismus seine tierphysiognomischen Annäherungen, und Lavater veröffentlichte seine „Physiognomischen Fragmente“ unter dem Einfluss des Empirismus, obwohl dieser rationalistische Systematisierungen ablehnte. Die Identifikation mit dem Tier hat also nie an Vitalität verloren und dient Karikaturisten auch heute noch als Quelle der Inspiration.
Im Zeitalter der politischen und industriellen Revolutionen und Umwälzungen, als die Kraft des Tieres allmählich durch die der Maschinen ersetzt wurde, entwickelten sich andere Mensch-Tier-Beziehungen. Doch ob als vertrauter Begleiter des Menschen oder als Objekt der Neugier in den Menagerien, das Tier blieb Bezugsgröße in einer Hierarchie, deren Mittelpunkt und Beherrscher der Mensch war. Die Konfrontation mit der Tatsache, dass Mensch und Affe miteinander verwandt sind, kollidierte um so mehr mit den religiösen und moralischen Überzeugungen, als bestimmten Völkern und Individuen tierische Züge zugeschrieben wurden. Die animalischen Seiten des Menschen waren von jeher eine Zielscheibe für Grafiker, Zeichner und Karikaturisten. Durch die Vermenschlichung von Tieren, die sich in der Tradition der Fabel widerspiegelte, wurde dieses Verfahren umgekehrt und dadurch geradezu verdoppelt. In der Neuzeit trugen Bilderbücher zur vielfachen Verbreitung der Tierwelt von Märchen und Erzählungen bei, Kinder haben heute durch Comics und Trickfilme einen leichten Zugang zu ihr.
Diese bildlichen Darstellungen fanden also ein immer breiteres Publikum. Parallel dazu identifizierten sich Künstler, die ihre Rolle anhand von Selbstporträts hinterfragten, mit bestimmten Tieren, vor allem mit Affen – ein Beispiel hierfür sind die Werke von Jörg Immendorff. Im Jahrhundert der Moderne akzeptierten die Künstler das Primitive und Wilde in sich, und die den Werken eines Surrealisten wie Max Ernst innewohnende magische Ausstrahlung ist der von Fetischen vergleichbar.
Die Ausstellung Mensch-Tier zeigt, wie dieser animalische Teil des Menschen von Künstlern zum Ausdruck gebracht wird; sie will die Besucher dazu veranlassen, anhand von Zeugnissen, die vom Alten Ägypten bis in die Neuzeit reichen, nach Bedeutung und Rolle dieser Darstellungen zu fragen. Der Rundgang der Ausstellung führt in das Archäologische Museum, das Frauenhausmuseum und das Museum für Moderne und Zeitgenössische Kunst. Weitere Exponate aus den Sammlungen der Straßburger Museen sowie Leihgaben aus anderen Einrichtungen werden in der Galerie Heitz des Rohan-Schlosses zu sehen sein. Das Rahmenprogramm der Ausstellung umfasst Filme, Konzerte und Vorträge.