Fast 10 Jahre nach dem Tod von Michel Journiac im Oktober 1995 wird diesem Künstler erstmals eine Retrospektive gewidmet. Damit rückt einer der prägendsten Vertreter der französischen zeitgenössischen Kunst der letzten 40 Jahre ins Licht der Öffentlichkeit, dessen Werk jedoch oft noch wenig bekannt ist oder nur unvollständig wahrgenommen wird.

Michel Journiac gilt als Initiator und wichtigster Vertreter der Body Art in Frankreich. Bei dieser künstlerischen Strömung handelt es sich um einen der letzten Versuche eines grundlegenden Infragestellens der Gesellschaft durch die Mittel der Kunst. Michel Journiacs intensives, facettenreiches Werk ist jedoch nicht allein der Body Art zuzuordnen. Denn Journiac war auch einer der wichtigsten Begründer der soziologischen Kunst der 1970er- und 1980er-Jahre und einer der Vorläufer dessen, was ein Kunstkritiker in jüngerer Zeit als „Beziehungsästhetik“ bezeichnete. Der Künstler bediente sich in seinen vielgestaltigen, sowohl kritisch als auch parodierend angelegten Werken so verschiedener Ausdrucksmittel wie der Bildhauerei und Fotografie, des Videos, der Installation sowie gegenständlicher Darstellungen und der Präsenz von Lebendem. Sein Werk nimmt die menschliche Existenz in ihrer Gesamtheit wahr: sexuelle Identität und politische Einstellung, das gesellschaftliche Leben mit seinen Verhaltensmustern bis hin zu familiären Mythen, Heiliges und Gewalt, organisches Leben und Tod.
Mit so ungewöhnlichen Mitteln wie dem eigenen Blut, Kleidungsstücken, Verkleidungen, Markierungen, Skeletten, Gold, Fotoromanen oder auch der Zweckentfremdung von Gegenständen und geläufigen Praktiken prangern Journiacs Werke auf eindrucksvolle Weise all das an, was den Menschen in seinen körperlichen Wahrnehmungen sowie in seiner kollektiven Zugehörigkeit und seinem schöpferischen Wesen verletzt, entstellt, behindert und unterdrückt.

Anlässlich der Ausstellung wird unter Leitung von Vincent Labaume gemeinsam mit der Pariser Ecole Nationale Supérieure des Beaux-Arts ein umfangreicher Katalog herausgegeben. Er umfasst Abhandlungen von Emmanuel Guigon, Fabrice Hergott, Julia Hountou, Arnaud Labelle-Rojoux und Vincent Labaume sowie Zeitzeugenberichte von Jean Daviot, Jacques Donguy, Frédéric Lormeau, Marc Martin-Malburet, Catherine Millet, Jean-Luc-Moulène, Stefano Polastri, Jacques Rougemont und Rodolphe Stadler. Dieser Ausstellungskatalog ist die bisher umfangreichste Monographie von Michel Journiac.

Im Rahmenprogramm der Ausstellung werden Vorträge angeboten, die den künstlerischen Ansatz von Michel Journiac beleuchten und die Besucher zu einer Reflexion über die Verwendung des Körpers als Instrument, Träger und Sujet von Kunstwerken veranlassen sollen.