Die phantasievolle, interaktive Inszenierung der Ausstellung wurde von Studenten des Kurses für Design und Szenografie der Straßburger Hochschule für Gestaltung entworfen. Sie haben einen fiktiven, aus einer Welt ohne Farben stammenden Forscher zur zentralen Figur des Rundgangs gemacht. In seinem Haus geht der Besucher auf Expedition und vollzieht mit ihm Schritt für Schritt die Entdeckung der Farben auf der Erde nach. Den Hintergrund dieses wissenschaftlichen Streifzugs bilden Kindheitserinnerungen und die bunten „Träume“ von Reagenzgläsern und anderen merkwürdigen Gerätschaften. Hinzu kommen die ausführlichen Antworten auf die Fragen des Forschers sowie verschiedenste Exponate und Tierexemplare, so dass sich der Parcours ständig zwischen poetischer Betrachtung und Erläuterung wissenschaftlicher Fakten hin und her bewegt. Gemeinsam mit dem Forscher kommt der Besucher so den Geheimnissen der Farben und deren Funktionsweise und Nutzen nicht im Tierreich, sondern auch für den Menschen auf die Spur. Ganz bewusst werden in dem der Farbkommunikation bei Tieren gewidmeten Teil des Rundgangs auch ethnologische Aspekte angesprochen, denn sowohl bei Tarnstrategien als auch bei Locken und Verführen liegen die Parallelen oft auf der Hand.Die Ausstellung umfasst fünf Abschnitte, die durch verschiedene Räume in der Wohnung des Forschers führen.
Den Auftakt des Rundgangs bildet das Schlafzimmer. Graue und schwarze Möbel sowie Exemplare von unscheinbar farblosen Tiere bestimmen seine Atmosphäre. Der Besucher wird direkt in die Thematik eingeführt: Hier stellt sich der Wissenschaftler vor und berichtet über seine langwierigen und faszinierenden Forschungsarbeiten.
Schauplatz des ersten Abschnitts ist das Labor des Forschers, wo der Besucher in ein Spiel bunter Schatten eintaucht und sich zunächst mit den physikalischen Aspekten des Phänomens Farbe bekannt macht. Wie entstehen Farben? Haben sie immer die gleichen Ursachen? Anhand eines Prismas, das weißes Licht in seine farbigen Bestandteile zerlegt, werden die Begriffe Farbe und Wellenlänge erläutert. Beim Auftreffen von Licht auf einen Gegenstand geht es um Brechung, Interferenz, Beugung und Absorption und den Unterschied zwischen physikalischen bzw. Strukturfarben und Pigmentfarben. Außerdem lernt der Besucher, warum eine Pflanze grün und das Meer blau ist. Veranschaulicht werden diese wissenschaftlichen Erklärungen mit Tierpräparaten (Rotfuchs, Glanzfasan, Schillerfalter) und Kristallen. Danach stehen die physiologischen Aspekte der Farbwahrnehmung im Mittelpunkt: das Sinnesorgan Auge von Mensch und Insekten; Farbrezeptoren; von Mensch und Tier mit dem Auge wahrgenommene und vom Gehirn verarbeitete und interpretierte Wellenlängen. Anschaulich werden diese Zusammenhänge anhand von Abbildungen und Modellen aus dem 19. Jahrhundert. Die abschließende Erläuterung der Farbwahrnehmung leitet zu dem in mehrere Teile gegliederten Abschnitt über die Farbkommunikation über. Im zweiten Abschnitt geht es um die Bedeutung von Farben für Werbung und Balz. Hier gilt es, auch bei widrigen Umweltbedingungen sichtbar zu sein, um sich dem Geschlechtspartner zur Schau stellen zu können. Dabei bedienen sich Tiere, aber auch Menschen, der Wirkung von Farben. In der Ausstellung offenbaren in Truhen verborgene weibliche Schimpansen und Glühwürmchen das Farbenspiel, mit dem sie den männlichen Tieren ihre Bereitschaft signalisieren und sie anlocken. Verblüffend ist auch die auf Biolumineszenz beruhende Balz der Bootsmannfische. Auf humoristische Art schließlich illustrieren zwei elsässische Hauben, wie der Mensch die Botschaft „Ich bin frei“ visuell vermittelt. Inmitten Dutzender farbiger Fläschchen, die die Forschungsergebnisse unseres Wissenschaftlers enthalten, geben Ausschnitte aus Werner Herzogs Film Die Hirten der Sonne einen faszinierenden Einblick in das Geerewol-Ritual, bei dem geschminkte Männer der Wodaabe-Ethnie zum Ende der Regenzeit um den Titel des Schönsten und die weibliche Gunst eifern.
In der Bibliothek des Forschers erfährt der Besucher mehr über Tiere, die sich ständig mit Farben schmücken. In Abhandlungen aber auch anhand von Fotografien und Präparaten männlicher Tiere (Mandrill, Königsglanzfasan, Gimpel, Paradiesvogel) wird verdeutlicht, wie manche Arten dem Weibchen die Vitalität des potenziellen Geschlechtspartners durch leuchtende, zuweilen ausgesprochen extravagante Farben signalisieren. Auch auf das mitunter sehr komplexe Balzverhalten wird hier eingegangen. So nutzen manche Männchen den Einfall des Sonnenlichts, um besonders anziehende Farben zur Schau zu stellen, ohne sich dabei selbst in Gefahr zu bringen. Ein Film zeigt dem neugierigen (und indiskreten) Besucher Aufnahmen von der eindrucksvollen Balz des Auerhahns. Doch auch der Mensch bedient sich beim Werben um das andere Geschlecht bestimmter Farbcodes. Bantufrauen beispielsweise übermitteln ihren Männern mit farbigen Perlenketten sehr eindeutige Botschaften.
Das Thema des dritten Abschnitts ist Tarnung durch Farben. In einem mit Kisten gefüllten Lagerraum verbergen sich Vogelweibchen, deren Federkleid besonders unauffällig ist, weil es dem Boden ähneln soll, auf dem sie ihre Jungen ausbrüten und aufziehen. Mit dieser Art der Tarnung schützen sie ihre Brut effizient vor Angriffen. Auch die Eier und die Küken tragen eine „Tarnuniform“. Wahre Meister der Verstellung sind Anglerfisch, Steinfisch und Fransenschildkröte. Um sich zu tarnen, sind sie in der Lage, ihre Umgebung nachzuahmen. Und der Borneo-Nebelparder verschmilzt dank seiner Fellzeichnung geradezu mit dem tropischen Regenwald. Andere Tierarten, wie Schneehuhn und Hermelin, passen die Farbe ihres Federkleides oder ihres Fells den Jahreszeiten an. Im Winter wei? und im Sommer braun, sind sie – ob als Jäger oder als Beute – vom Schnee oder vom Erdboden nur schwer zu unterscheiden. Geradezu perfekte Strategien haben Kopffüßer wie Tintenfische und Kalmare sowie Plattfische entwickelt. Sie können sozusagen in Echtzeit den Untergrund imitieren, auf dem sie sich gerade befinden. Auch Menschen bedienen sich verschiedenster Tarnstrategien. Zwei Militäruniformen aus der Zeit vor und nach 1918 zeugen davon, dass die Notwendigkeit, vom Feind nicht erkannt zu werden, eine wichtige Rolle spielte.
Im vierten Abschnitt der Ausstellung geht es um Tiere, deren Farben sie davor schützen, gefressen zu werden. Denn manche Farben oder Farbkombinationen (knallrot, gelb und schwarz, rot und schwarz, metallisches Schillern) signalisieren die Wehrhaftigkeit oder Ungenie?barkeit von Tieren. Diese Warntrachten werden am Beispiel von Insekten und Farbfröschen erläutert. Hinter der schönen roten, blauen oder orangeroten Färbung dieser kleinen Frösche verbergen sich gefährliche Überlebensstrategien. Dass viele giftige Arten und Gattungen die gleichen Warnfarben aufweisen, liegt an der als „Müller’sche Mimikry“ bezeichneten evolutionsgeschichtlichen Normierung. Deshalb ahmen andere, durchaus genie?bare oder zumindest nicht wehrhafte Tiere diese Farben nach. Ein Beispiel für diese „Bates’sche Mimikry“ ist der Viceroy-Schmetterling, der mit den gleichen Farben wie der Monarchfalter dessen bitteren Geschmack vortäuschen will. Zu dieser faszinierenden, aber hermetischen Welt muss sich der Besucher durch seine Neugier selbst Zugang verschaffen.
Der fünfte Abschnitt geht auf die Koevolution von Tieren und Pflanzen ein. Manche Pflanzen ziehen durch Farbe und Form Insekten oder Vögel an und sorgen so für ihre eigene Fortpflanzung. Wenn es sich dabei um ausschlie?liche Beziehungen handelt, kann es dazu kommen, dass die Blüte im Laufe der Evolution die gleiche Farbe und Form annimmt wie die jeweilige Tierart.
Zum Abschluss des Rundgangs wird auf die Bedeutung der Farben im westlichen Kulturkreis eingegangen und die Farbbotschaft von Trachten aus elsässischen Dörfern erläutert: So lie? sich beispielsweise am Rock der Frau deren Religionszugehörigkeit ablesen – eine stumme und dennoch sehr beredte Form der Kommunikation.

Kuratorinnen der Ausstellung
Marie-Dominique Wandhammer, Leiterin des Zoologischen Museums der Stadt Stra?burg
Shirin Khalili, Referentin für wissenschaftliche Kommunikation

Leihgeber
Elsässisches Museum, Stra?burg
Historisches Museum der Stadt Stra?burg
Mineralogisches Museum der Universität Louis Pasteur, Stra?burg
Staatliches Museum für Naturkunde, Karlsruhe