DIE SAMMLUNG
Das Straßburger Museum für bildende Kunst stellt seine jüngst in Teilen restaurierte flämische und holländische Sammlung zu einer Schau zusammen, die an zwei Orten besichtigt werden kann: Die Werke aus dem 17. Jahrhundert sind in der Ausstellung „Realitäten einer Welt“ in der Galerie Robert Heitz zu sehen, die Werke der anderen Epochen und Schulen werden in den Räumen des Museums gezeigt. Mit rund 200 Gemälden zählt die Straßburger Sammlung zu den bedeutendsten in Frankreich.
Rund 50 Werke stammen aus dem 15. und 16. Jahrhundert, das holländische „goldene Zeitalter“ ist mit etwa 100 Gemälden vertreten. Zu den flämischen Meistern gehören u. a. Rubens, Jordaens und van Dyck.
Die Straßburger Sammlung besticht vor allem durch die Qualität und die Repräsentativität ihrer Werke. Sie umfasst die meisten regionalen Schulen sowie alle Genres: Historienbilder, Landschaftsmalerei, Sittengemälde und Porträts. Sehr repräsentativ vertreten sind auch die Innenansichten von Kirchen, eine Besonderheit der holländischen Malerei des 17. Jahrhunderts. Erwähnung verdient ferner ein Ensemble von Stillleben, darunter Werke aus der Hand großer Meister dieses Genres.
UMFASSENDE RESTAURIERUNGSKAMPAGNE
Über 60 Gemälde der Sammlung wurden in jüngster Zeit restauriert. Dank unterschiedlichster Verfahren (Abnahme von Firnissen und Übermalungen, Stabilisierung, Schließen von Rissen bis hin zur grundlegenden Restaurierung vor allem bei Huysum und Rubens) erstrahlen diese mitunter stark beschädigten Werke zur Freude der Besucher heute wieder im alten Glanz. Gleichzeitig waren die Restaurierungsarbeiten für die Forscher eine einzigartige Gelegenheit, die angewandten Techniken und Malweisen nachzuvollziehen. Zudem wurden bei einigen Werken Signaturen freigelegt, sodass diese Gemälde nun Leemans, de Jongh und Casteels zugeordnet werden konnten. Auch einige Überraschungen blieben nicht aus: So kam das von Caspar Netscher der Keuschheit halber übermalte tiefe Dekolleté der Pomona ebenso zum Vorschein wie in David de Conincks Stillleben mit Pfau eine ein Huhn attackierende Katze – ein zuvor von einem Schatten verdecktes Motiv.
DER WISSENSCHAFTLICHE KATALOG
Zeitausstellungen und die sie begleitenden Kataloge sind in gewisser Weise das, was vom Leben der Museen sichtbar wird. Ein weiterer wesentlicher Aspekt des Auftrags von Museen besteht aber in der Veröffentlichung wissenschaftlicher Arbeiten über ihre ständigen Sammlungen, um diese Experten wie Laien zugänglich zu machen.
Genau dieses Anliegen verfolgt das Museum für bildende Kunst mit seinem neuen Katalog. Auf dem Gebiet der italienischen Malerei wurde diese Arbeit bereits geleistet: 1993 standen die frühen italienischen Werke im Mittelpunkt der Abhandlung Les Primitifs italiens du musée des Beaux-Arts de Strasbourg von Esther Moench, und 1996 veröffentlichten Alain Roy und Paula Goldenberg Les Peintures italiennes du musée des Beaux-Arts de Strasbourg über die italienische Malerei des 16., 17. und 18. Jahrhunderts. Der neue Katalog widmet sich nun der flämischen und holländischen Malerei in der Straßburger Sammlung. Sie umfasst 213 Werke aus dem 15. bis 18. Jahrhundert, wobei der Schwerpunkt auf dem 17. Jahrhundert liegt. Die Gemälde dieser Periode zählen zu den Glanzpunkten des Museums für bildende Kunst.
Obwohl die Veröffentlichung wissenschaftlicher Sammlungskataloge eine der Hauptaufgaben von Museen ist, wird sie kaum wahrgenommen. Solche Abhandlungen sind das Ergebnis einer mehrjähriger Forschungsarbeit. Bei den von uns ausgewählten Autoren – Joël Hubrecht, Sandrine Le Bideau-Vincent, David Mandrella und Marie Monfort – handelt es sich um anerkannte Spezialisten. In langwierigen vorbereitenden Untersuchungen machten sie sich zunächst vor Ort in den Ausstellungsräumen und im Museumsdepot mit den Werken vertraut. Anschließend setzten sie Ihre wissenschaftlichen Studien in Forschungszentren, anderen Museen und Bibliotheken fort.
Der Katalog stellt alle 213 Gemälde vor. Einige konnten erstmals bzw. neu zugeordnet werden, so die Innenansicht der Nieuwe Kerk in Delft mit dem Grabmal Wilhelm von Oraniens, das bisher für ein Werk Gerard Houckgeests gehalten wurde, jetzt aber Cornelis de Man zugeschrieben wird. Die früher einem anonymen Antwerpener Künstler zugeschriebene Erschaffung der Welt wurde als Werk von Bocksberger erkannt, und das Gemälde Tobias und der Engel, als dessen Urheber bisher ebenfalls ein anonymer flämischer Künstler angenommen wurde, wird nun Tobias Verhaecht zugeschrieben. Und ein lange als Schöpfung des 15. Jahrhunderts bewundertes Porträt wurde als Fälschung aus dem 19. Jahrhundert identifiziert.
Der Katalog geht auf die Geschichte der Werke ein, ggf. auf ihren Parcours durch verschiedene europäische Museen, ihre Aufnahme in die Straßburger Sammlung (als Ankauf, Vermächtnis, Schenkung oder Hinterlegung) und die dafür jeweils maßgeblichen Personen. Dank ausführlicher Informationen und Hilfestellungen kann sich der Leser den Werken je nach seinen besonderen Interessen aus verschiedenen Perspektiven nähern: stilistische Einordnung, Stellenwert im Werdegang des Künstlers, Bildinhalte, Kunstmarkt, Bezug zur Geschichte des Museums oder allgemein historische Bezüge. |